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Killerwale und die Menopause

Killerwale und die Menopause

Was wir von Killerwalen über die Menopause lernen können. Dieser Artikel ist länger, als Artikel auf PETA50Plus normalerweise sind. Nehmen Sie sich etwas Zeit – es lohnt sich!

Der Artikel wurde verfasst von Victoria Gill, BBC News, San Juan Island und erschien am 11.August 2016

Die Menopause ist für Biologen noch immer ein Rätsel. Warum sollte das Weibchen einer Spezies nach der Hälfte ihres Lebens die Fortpflanzung einstellen, wo doch die natürliche Auslese gerade die Charakteristika bevorzugt, die den Genen eines Individuums das Überleben sichern? Der Killerwal ist eines von nur zwei Säugetieren, die, vom Menschen abgesehen, eine Menopause erleben – eine Studie an ihnen liefert nun wichtige Hinweise.

Granny ist für eine Hundertjährige ziemlich rüstig. Als ich die Lokalprominenz der Insel San Juan endlich zu Gesicht bekomme, springt sie weit aus dem Wasser und erntet begeistertes Staunen von den Menschen auf meinem Boot.

Granny ist ein Killerwal, ein Orca.

Sie lebt in der Küstenregion des Nordpazifiks, nahe Vancouver und Seattle, ein Gebiet bekannt als die Salish Sea. Liebevoll nennt man sie zwar „Granny“, doch ihr offizieller Name ist J2 – ein alphanumerischer Titel, der sie als Mitglied einer Population identifiziert, die man als Southern Resident-Orcas kennt.

Es handelt sich um einen Clan von 83 Killerwalen in drei einzelnen Schulen – J, K und L. Sie alle kehren jeden Sommer in dieses Gebiet der pazifischen Wasserstraßen zurück. Die Ansammlung von Meeresarmen und ruhigen Küstengewässern ist durchzogen von bewaldeten und bergigen Inseln. Diese Schönheit wissen auch Touristen zu schätzen, insbesondere Walbeobachter.

Viele der mit Kameras bewaffneten Besucher wünschen sich am meisten einen Blick auf Granny – den ältesten bekannten noch lebenden Killerwal. Ihr Alter ist geschätzt und basiert auf dem Alter ihrer Nachkommen, als sie und ihre Schule Anfang der 1970 erstmals studiert wurden. Demnach sei Granny mindestens 80, so die Wissenschaftler, könnte aber auch bis zu 105 Jahre alt sein.

Ich bin mit einem Team aus Biologen hier, die sich in besonderem Maße für sie interessieren. Sie möchten verstehen, warum J2 und die anderen Weibchen dieser Population ab ihren 30ern oder 40ern keine Babys mehr bekommen – obwohl sie doch noch so viel länger leben. Biologen nennen das die post-reproduktive Lebensdauer. Wir nennen es die Menopause.

Es sind nur drei Säugetiere bekannt, die die Menopause erleben: Orcas, Kurzflossen-Grindwale und wir Menschen. Selbst unsere engsten Verwandten unter den Affen, die Schimpansen, erleben sie nicht. Ihre Fruchtbarkeit klingt langsam mit dem Alter ab und in freier Wildbahn erreichen sie selten ein Alter, in dem sie keine Kinder mehr bekommen können.

Aber weibliche Orcas und Frauen haben sich dahingehend entwickelt, ein langes, aktives, post-reproduktives Leben zu haben. „Aus evolutionäre Perspektive ist das sehr schwer zu erklären“, so Prof. Darren Croft, der von der britischen Universität Exeter anreist, um die Wale zu studieren. „Warum sollte ein Individuum ab einem so frühen Zeitpunkt in seinem Leben keinen Nachwuchs mehr bekommen?“ Die darwinistische Evolutionstheorie besagt, dass jedes Merkmal, das die Chance eines Tieres auf die Weitergabe seiner Gene an die nächste Generation schmälert, verdrängt wird – ein Prozess der natürlichen Auslese.

Deshalb wird teils argumentiert, die menschliche Menopause sei Ergebnis eines längeren Lebens, besserer Gesundheit und besserer medizinischer Versorgung. Diese Theorie bietet nicht nur ein recht deprimierendes Bild von Frauen nach der Menopause, die schlichtweg länger leben, als es die Evolution für sie vorgesehen hatte; sie wurde, teils dank der Orcas, auch bereits als fehlerhaft entlarvt. Denn ganz offensichtlich ist es bei Orcas nicht die medizinische Versorgung, die ihr Leben verlängert. „Sie in freier Wildbahn zu studieren könnte uns deshalb dabei helfen, einige der Mysterien um die Entstehung der Menopause aufzuklären“, so Croft.

Er und sein Forschungskollege Dr. Dan Franks der Universität York untersuchen, ob ältere post-reproduktive Weibchen die Überlebenschancen ihrer Familie und damit auch die ihrer eigenen Gene erhöhen. Ein Teil ihrer Forschung besteht darin, einen darwinistischen Rechner mit den Statistiken zu Population und Lebensdauer – also Geburtsraten, Todesraten und Überlebenschancen – zu füttern, um festzustellen, ob die Menopause einen Nettonutzen mit sich bringt. Das Ganze ist eine biologische Kosten-Nutzen-Analyse. Die Frage lautet: Stellt ein älteres Weibchen einen messbaren Zugewinn für ihre bestehende Familie dar, der die genetischen Kosten ausbleibender Babys überwiegt?

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Erfahren Sie mehr über das spannende Leben der Killerwale

Sie können sich die erstmals von BBC Radio 4 ausgestrahlte Dokumentation The Whale Menopause von Victoria Gill hier anhören.

Doch Croft und Franks beobachten auch ganz genau das Verhalten der Killerwale. Ihre jüngsten Erkenntnisse gewannen die Forscher durch die Auswertung hunderter Stunden Videomaterials des Alltags der Wale. Sie sahen sich an, wie die Tiere den für sie lebenswichtigen Lachs jagten. „Wir stellten fest, dass die älteren Weibchen vorausschwimmen – sie führen ihre Gruppe, ihre Familie, zu den Nahrungsquellen“, so Croft. Entscheidend war auch Crofts und Franks’ Feststellung, dass die älteren Weibchen die Führung häufiger in Jahren übernahmen, in denen es weniger Lachse gab. Dies deutet darauf hin, dass die Schule möglicherweise auf die Erfahrung und das ökologische Wissen dieser Weibchen angewiesen ist.

„Es ist wie bei uns“, so Croft. „Bevor wir Google nach dem nächsten Supermarkt fragen konnten, wären wir im Fall einer Dürre oder einer Hungersnot zu den Älteren der Gemeinschaft gegangen, um von ihnen zu erfahren, wo wir Nahrung und Wasser finden könnten. Diese Art Wissen wird über die Zeit hinweg gesammelt – sie sammelt sich in den Individuen.“

Während wir auf dem kleinen Forschungsboot stehen, deutet Croft auf zwei Rückenflossen, die, wie zwei glänzende schwarze Segel, kurz an der Wasseroberfläche auftauchen. Sie gehören zu einer Mutter und ihrem erwachsenen Sohn, die scheinbar gemeinsam Fische fangen. „Das ist ein ausgewachsener Sohn, ein 23-jähriges Männchen, das seiner Mutter nicht von der Seite weicht“, so Croft. Seine Berechnungen haben gezeigt, wie viele ausgewachsene Männchen für ihr Überleben von älteren Matriarchinnen abhängig sind. Aus den über die Wale gesammelten Beobachtungen wurde deutlich, dass die Söhne kurz nach ihren Müttern starben – man nannte sie „Muttersöhnchen. Also sahen wir uns die [Überlebens-] Daten an und fanden heraus, dass sich mit dem Tod der Mutter das Todesrisiko ihrer Söhne im darauffolgenden Jahr ungefähr verachtfacht. Und das sind keine Jungtiere – es handelt sich um 30-jährige, voll ausgewachsene Söhne. Irgendetwas tut [die Mutter], das ihre Söhne am Leben hält.“

Die Söhne und Töchter einer Killerwal-Mutter bleiben ihr Leben lang in ihrer Schule. Die Männchen verlassen diese kurzzeitig, um sich mit anderen Weibchen zu paaren, kommen jedoch immer wieder zurück. Häufig sieht man sie an der Seite ihrer Mutter schwimmen. Ältere Weibchen wurden schon dabei beobachtet, wie sie sich mit ihren Söhnen Fische teilten. Sie fütterten diese ausgewachsenen „Muttersöhnchen“ tatsächlich mit Lachs. Es scheint, als würden ältere Weibchen viel für ihre Familie tun, insbesondere für ihre ausgewachsenen Söhne. Das ergibt aus Darwin’scher Sicht durchaus Sinn, meint Croft. Die Söhne paaren sich mit Weibchen aus anderen Schulen – und diese Kälber sind damit die genetischen Enkel der Matriarchin, gehören aber zu einer anderen Schule, die das neue hungrige Maul stopfen muss.

Auch zeigen Beispiele aus den wenigen bestehenden menschlichen Gesellschaften von Jägern und Sammlern, dass ältere Frauen ihren Kindern und Kindeskindern beim Überleben helfen. Man nennt dieses Phänomen den „Großmuttereffekt“.  Die Anthropologin Kristen Hawkes der Universität Utah studiert seit den 1980ern die Volksgruppe der Hadza aus dem Norden Tansanias. Sie konnte beobachten, dass ältere Frauen besonders fleißig sind und mehr Zeit als junge Frauen damit verbringen, Nahrung für ihre Familien zu suchen.

„Die Kinder der Jäger-Sammler-Population der Hadza sind ebenfalls schon in sehr jungen Jahren aktive Nahrungssammler. Doch wie in allen anderen menschlichen Populationen können auch sie sich noch nicht komplett eigenständig ernähren, wenn sie entwöhnt werden und sind darauf angewiesen, dass ihre Mütter sie mit Nahrung versorgen“, so die Wissenschaftlerin. „Wenn aber die Mütter ein weiteres Baby bekommen, konnten sich die Kinder auf ihre Großmütter verlassen. Wir sahen also an diesem Volk, wie die Großmütter die Gemeinschaft unterstützen – so hat es wahrscheinlich auch bei unseren Vorfahren funktioniert.“

Anstatt nach anderer Nahrung zu suchen, machen die Männer der Hadza Jagd auf Großwild. Wenn sie ein Tier getötet haben, teilen sie es mit der ganzen Gemeinschaft. „Jeder kommt dazu und isst mit an dem Fleischberg“, so Hawkes. „Der Großteil fällt also nicht der eigenen Frau und den Kindern zu, sondern anderen.“ Es liegen demnach Beweise für die unerlässliche und fleißige Hilfe der Großmütter vor, sowohl bei Orcas als auch beim Menschen. Und doch scheint dieser Vorteil in der evolutionären Gleichung von Darren Croft nicht so recht den Nachteil zu überwiegen – den Wegfall der Fortpflanzung. Deshalb ist er der Ansicht, es gäbe noch einen weiteren entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Menopause.

Jetzt die Walforscher deshalb herausfinden, ob die Menopause den Orcas beim Überleben hilft, indem sie die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass Mütter und Töchter gleichzeitig Babys haben. Denn so könnte es zu einer verstärkten Konkurrenz um Ressourcen wie Nahrung oder sogar die elterliche Pflege kommen – eine Aufgabe, die sich die weiblichen Orcas einer Schule häufig teilen. Eine andauernde Datenerhebung über die Southern Resident-Wale macht das möglich. Die Forscher können beispielsweise prüfen, ob Kälber mit einer Großmutter, die ihre Menopause bereits hinter sich hat, eine bessere Überlebenschance haben.

Damit könnten die Wissenschaftler auch auf die Wurzel der menschlichen Menopause stoßen. Wenn man seine Zeit mit den Killerwalen in der Salish Sea verbringt und erkennt, wie viel sie doch mit dem Menschen gemein haben, dann kann man nur bedauern, wie der Mensch noch bis in die 1970er Jahre mit den Tieren umgegangen ist. Die vorhersehbaren Gewohnheiten der Southern Resident-Wale machten sie zu einem perfekten Ziel für Waljäger. Außerdem wurden Killerwale 10 Jahre lang, zwischen 1965 und 1975, aus der Salish Sea entnommen und an Meeresparks verkauft.

Jäger trieben die Tiere in Buchten und trennten die begehrten Jungtiere vom Rest der Schule. Schätzungen zufolge wurden bei den Fangaktionen mindestens 13 Tiere getötet und 45 gefangen genommen – von einer Population von unter 100 Tieren. Der Film Blackfish machte diese Episode im Jahr 2013 berühmt. Heute befindet sich noch einer der Southern Resident-Wale in Gefangenschaft: Lolita, ein Weibchen, das ein Becken des Miami Seaquarium bewohnt.

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Lolita, „der einsamste Killerwal“

Der einzig verbleibende Southern Resident-Wal in Gefangenschaft ist ein Weibchen namens Lolita, das seine Menopause bereits hinter sich hat. Lolita ist 50 Jahre alt und wird seit 46 Jahren in einem Becken des Miami Seaquarium gehalten. Man nennt sie den „einsamsten Killerwal“, seit ihr Begleiter Hugo 1980 starb. Seither hatte sie keinen Kontakt mehr zu Artgenossen. Lolita sollte nach Meinung des ehemaligen SeaWorld-Trainers Dr. Jeffrey Ventre nun ins offene Meer zurückgebracht werden. „Ihre Mutter und Geschwister sind noch am Leben. Sie ist eine hervorragende Kandidatin für eine Freilassung“, so Ventre. „Ihr Fall ist besonders tragisch, da sie mit keinem Artgenossen interagieren kann – und wir wissen, dass dies die sozialsten Tiere überhaupt sind.“

Ventre hat in seiner Forschung die Lebenserwartung in Gefangenschaft lebender und freilebender Orcas verglichen. Seinen Erkenntnissen zufolge haben sie die Überlebensraten in den letzten 30 Jahren zwar verbessert, doch Killerwale leben in Freiheit noch immer länger. Das Miami Seaquarium will Lolita jedoch nicht freilassen, da „es unverantwortlich wäre, ihr Leben als Experiment zu betrachten und ihre Gesundheit und Sicherheit aufs Spiel zu setzen“.

Die Jagd auf die Tiere hat jedoch einen jungen Zoologen, Ken Balcomb, dazu gebracht, die Killerwale ab 1976 zu beobachten und zu katalogisieren. Seine Arbeit zeigte, dass die Jagd in keinster Weise nachhaltig war, und brachte den Southern Resident-Walen so Schutz als bedrohte Art ein. Er gründete das Center for Whale Research auf der Insel San Juan. Mittlerweile verfügt das Zentrum über Daten zu Geburt, Tod und Sozialstrukturen der Southern Resident-Wale aus vier Jahrzehnten. „Wir machen von jedem ein Bild zur Identifizierung“, erklärt mir Balcomb. „Wir schauen, wer ein neues Baby bekommen hat oder wer fehlt. Über die Jahre hinweg prüfen wir all das wieder und wieder und wir hatten die Gesamtpopulation damit immer gut im Blick.“

Die Population erholte sich mit der Zeit von der Jagd. Heute ist sie jedoch wieder in Gefahr, da im Küstenlebensraum der Orcas die Lachse knapp werden, das Wasser verschmutzt ist und ein hoher Lärmpegel herrscht. Obwohl Balcombs einzigartiges 40-jähriges Datenmaterial nie zu diesem Zweck geschaffen wurde, erwies es sich als äußerst wertvoll für die britischen Evolutionsbiologen, die nun die Menopause der Tiere erforschen.

Ebenso unerwartet zeigten viele Frauen, die über die Menopause schrieben, starkes Interesse an Crofts Daten und kontaktierten ihn. Eine von ihnen war Christa D’Souza, die Anfang des Jahres ein Buch über ihre eigenen Erfahrungen mit der Menopause veröffentlichte. „Ich wollte nicht, dass das Buch zu einer Anekdote einer Frau aus dem Westen Londons wird. Ich fand es interessant, mich der Frage, warum das mit uns passiert, wissenschaftlich zu nähern“, so D’Souza. „Der Gedanke, dass Frauen Informationen weitergeben und eine Altersweisheit besitzen – darin liegt eine Schönheit, bei der es nicht um Fortpflanzung geht.“

„Frauen meines Alters beschweren sich darüber, unsichtbar zu werden. Und es stimmt, man stellt fest, wie stark man über seine Sexualität definiert wird. Doch ich habe das Gefühl, dass man jetzt zu der Person wird, die man wirklich sein will – und geweckt wurde dieses Gefühl durch Geschichten über die Killerwale.“ Croft sagt, die Gespräche mit D’Souza und den anderen Frauen hätten ihm erst deutlich gemacht, welch weitreichenden Einfluss seine Arbeit mit den Orcas wirklich habe. „Die wichtige Rolle, die ältere Weibchen in den Gemeinschaften der Killerwale spielen müssen, hat den Wert älterer Individuen hervorgehoben“, so Croft. „Es freut mich sehr, dass die Arbeit diesen Bereich berührt.“

Und obwohl Croft und ihre Kollegen nur von der Wasseroberfläche aus zusehen können, wo sich doch ein Großteil des Soziallebens der Orcas unter Wasser abspielt, werden sie in den nächsten Jahren zurückkehren. Hoffentlich werden sie dann Granny wiedersehen und noch ein paar mehr ihrer evolutionären Geheimnisse ergründen.

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