Für Tierfreunde im besten Alter

Ein Veganer in Schottland

Ein Veganer in Schottland

Was ich bis jetzt von den Briten und ihrer Insel hielt? Fragen Sie lieber nicht. Oder fragen Sie lieber doch. Denn Großbritannien bedeutete für mich mieses Wetter, düstere Industriestädte und phlegmatische Menschen mit einer unverständlichen Art von Humor. Und dann erst das Essen – ein Land, das den Rinderwahnsinn erfand und dessen Nationalspeise eine vor Öl triefende Matsche aus Fisch und Fritten darstellt, war mir – als Wärme und Sonne liebenden Veganer – schon immer suspekt. Und deshalb als Reiseziel nie ein Thema.

Bis meine Frau meinte, Schottland besuchen zu müssen. „Um Körper, Seele und Geist eine Ruhepause zu gönnen“, wie sie sagte. Sie versprach mir einsame Landschaften, zauberhafte Schlösser, eine beeindruckende Natur und zurückhaltende, freundliche Menschen. Ich erwartete Dauerregen, finstere Berge, düstere Ruinen und dass ich garantiert verhungern würde.

(c) Sylva Harasim

(c) Sylva Harasim

Und jetzt, Anfang Mai, schlendere über die Decks der Fähre „Pride of Kent“, die uns von Calais nach Dover bringen wird. Eine erste Inspektion der Zuckermeile verläuft enttäuschend – in Plastik verpacktes Industriefutter. Gut, dass ich Obst dabei habe. Doch dann stoße ich im Oberdeck auf das Bordrestaurant. Ein Blick auf die Karte – immerhin das eine oder andere vegetarische Gericht und die Aufforderung, bei Sonderwünschen das Personal zu fragen. Ich frage nach veganem Essen. Überraschung: Das sei absolut kein Problem. Der Koch würde beim Gericht meiner Wahl einfach die tierischen Produkte weglassen oder ich dürfe mir gerne ein veganes Menü aus den verschiedenen Beilagen zusammenstellen. Nicht schlecht. Mal sehen, vielleicht auf der Rückfahrt. Eins zu null für die Insel.

Um dem Gehirn Zeit zu lassen, in Schottland anzukommen, fahren wir gemütlich durch England nach Norden. Erster Stopp in Canterbury. Das hält bereits teilweise, was meine Frau versprach: Ein Idyll aus buntem Fachwerk, schmalen Gassen und der mächtigen Kathedrale verzaubert den Besucher. Und ernährt den Veganer – in der Filiale der Kette „Prêt à manger“ finde ich vegane Falafel und Sandwiches. Man wirbt mit dem Spruch „Made today, gone today“ – was übrig bleibt, geht an Hilfsorganisationen. Wir setzen uns draußen in die Sonne, beißen in mit Salat, Tomaten, Avocado, Paprikapaste und Rucola belegte Sandwiches. Meine Frau zwinkert mir zu. „Na?“ Okay, zwei zu null für die Insel. Aber Schottland kommt ja noch.

In Cambridge der nächste Punkt für die Briten – diesmal nicht durch „Prêt à porter“, sondern durch „EAT“. Die Kette verspricht „Good food from our kitchens“ und sagt die Wahrheit – das spezielle vegane Mittagessen heißt „Chili sin Carne“ und schmeckt ausgezeichnet. Sollten sie kochen gelernt haben, die Briten? Ein Problem bleibt allerdings nach wie vor der Nachtisch. Süßes ohne Tierisches gibt es gar nicht und Eisdielen nur selten. Es steht drei zu eins.

Nach einer Wanderung entlang des windumtosten Hadrian’s Wall kaufen wir im Supermarkt „Coop“ ein. Erstes Plus: Man bevorzugt Produkte aus der Region. Zweites Plus: Die Auswahl an frischem Obst und Gemüse ist groß, vegane und vegetarische Nahrungsmittel sind mit einem grünen „V“ gekennzeichnet. Den Nachtisch – endlich – stiftet die Marke „Bear“ mit ihren getrockneten Fruchtstückchen. „100 % Fruit, with no added nonsense“ steht auf der Packung. Na also, geht doch.

(c) Sylva Harasim

(c) Sylva Harasim

Aber nicht überall. Die große Supermarktkette „Tesco“ bietet fast ausschließlich in Plastik Verpacktes an. Frisches ist die Ausnahme, die vegan-vegetarische Kennzeichnung entfällt. Sämtliche Fertiggerichte strotzen vor Butter oder Milch. Immerhin haben sie 85-prozentige englische Schokolade im Regal – der milchfreie Nachtisch ist gerettet. Wie steht es eigentlich inzwischen? Sieben oder acht zu … na ja, sagen wir mal: zu zwei.

Hinter Gretna Green naht endlich die Grenze zu Schottland. Im Bistro „The Brew Ha Ha“ in Newton Stuart stehen vegetarische Suppen auf dem Herd, auf Wunsch bereitet man veganes Essen zu. Ein kleines Wunder angesichts der schottischen Gäste, die schon morgens Eier, Speck und Schinken in sich hineinstopfen. Wie passt das zusammen? „Die Masse steht nach wie vor auf Deftiges”, erklärt die Chefin. „Doch Vegetarier und Veganer werden immer mehr. Auch in Schottland.“ Ich bin gespannt.

Im Abendlicht spazieren wir durch den menschenleeren Park von Culzean Castle, genießen die Ausblicke auf der Küstenstraße nach Ayr entlang der Westküste, passieren das malerische Loch Lomond und finden in Luss gleich zwei Restaurants mit veganen Gerichten – Suppen, Pasta, Kartoffeln und Bohnen. Hätte ich nicht gedacht. Als wir in Inveraray zum Sonnenaufgang am Hafen entlangschlendern, zwinkert meine Frau mir zu. „Na?“ Ich lächle verlegen. Vorurteile sind ja schließlich da, um beseitigt zu werden.

(c) Sylva Harasim

(c) Sylva Harasim

Das Frühstück im Ortsbistro von Inveraray ist sehr authentisch. Zusammen mit den Jungs von der Straßenwacht trinken wir Morning Tea und beißen in – wunschgemäß belegte – vegane Sandwiches. Nach einer Fahrt auf schmalen, einsamen Sträßchen nach Oban bringt uns die Fähre zur Insel Mull. Traumwetter, glatte See. Die Bordküche bietet nur Wurstiges und Käsiges. Ein Punkt gegen Schottland. Macht aber nichts. Schottland/England führen mittlerweile ohnehin zweistellig. Auf Mull schlängeln wir uns hinab zur Südspitze der Insel. Auf den einspurigen Single-Track-Roads überschlagen sich die Schotten vor Höflichkeit und lassen unserem breiten Wohnmobil an den Ausweichstellen galant den Vortritt.

Der Campingplatz liegt komplett naturbelassen direkt an der Küste. Wir stehen ganz vorn, sehen nichts außer Sand, Felsen und Meer und hören nichts außer Wind, Wellen und Möwen. Im Pub „The Keel Row“ in Fionnphort serviert man uns ein veganes Abendessen vom Feinsten: indische Linsen mit Karottengemüse, danach einen dieser milden Whiskys von der Insel. Ab sofort höre ich auf, die Punkte zu zählen.

(c) Sylva Harasim

(c) Sylva Harasim

Entlang der menschenleeren, wunderschönen Westküste fahren wir nach Norden bis zum äußersten Zipfel Schottlands. Für Frühstück und Abendessen sorgt „Coop“; wir entdecken dort viele vegane Dinge wie Kichererbsenhumus mit Paprika oder Zwiebeln, Bohnensalat, Suppen, Couscous, zig Varianten von Haferkeksen („Oat cakes“), süßsaure Dips, Brotaufstriche – das meiste aus der Region, Bio und Fair Trade. Mittags bewährt sich die schottische Nationalspeise „Baked Beans“, weiße Bohnen in Tomatensoße mit gebackener Kartoffel. Manchmal bestellen wir auch nur „Chips“ ohne „Fish“ und erhalten äußerst leckere, frisch zubereitete, frittierte Kartoffelspalten.

Hinter Schottlands Vorzeigeschloss Eilean Donan Castle folgen wir in Ardelve dem Schild „Manuelas wee bakery“ und decken uns bei Manuela mit Vollkornbrot ein. Sie stammt aus Deutschland, verliebte sich im Urlaub in die schottische Westküste und bäckt ihre Brötchen nun in dem winzigen Dorf Ardelve. Wie die Schotten sie aufnahmen? „Überaus freundlich“, sagt sie. „Man würdigt hier sehr das Regionale, das Selbstgemachte.“

Zum Beispiel das „full Scottish breakfast“, das komplette schottische Frühstück. Für den Veganer ein Graus: Schinkenspeck, Würste, Eier. Aber Schottland wäre nicht Schottland, gäbe es diesen Klassiker nicht auch vegetarisch, mit Tofuwürstchen, Bohnen plus gebratenen Tomaten und Pilzen. So wie im Pub „The Ceilidh Place“ in Ullapool. Wir outen uns vorsichtig als Veganer. Der Kellner lacht, der Koch lässt die Eier weg, und schon stehen zwei „full vegan Scottish breakfast“ auf dem Tisch.

(c) Sylva Harasim

(c) Sylva Harasim

In Thurso an der Nordostküste decken wir uns im Bioladen „The Carott“ mit veganen Riegeln ein und erfahren, dass im Obergeschoss des Gebäudes Anfang 2016 das erste vegane Restaurant Schottlands öffnen wird. Hoffentlich mit einer Auswahl von Desserts. Denn mit Süßem sieht es nach wie vor schlecht aus: In Theken und Schaufenstern locken die herrlichsten Kuchen, aber kein einziger davon ist frei von tierischem Eiweiß. Ebenso das britische Nationalgebäck, die berühmten „Scones“. Da könnten die Schotten noch nachbessern.

Nach vier Wochen Urlaub sitzen wir im Restaurant der Fähre von Dover nach Calais. An den Panoramafenstern ziehen weiße Kreidefelsen vorbei, auf dem Tisch stehen zwei „full vegan Scottish breakfast“. „Na?“, lächelt meine Frau. Sie hatte recht. Körper, Seele und Geist bekamen die lang ersehnte Ruhepause, wir fuhren durch traumhafte Landschaften und trafen überaus freundliche Menschen. Und ich bin nicht verhungert. Im Gegenteil. Jetzt dürfen Sie mich gerne noch einmal fragen, was ich von der britischen Insel halte …

PS.: Zu Hause angekommen, hat uns meine Frau übrigens sofort vegane Scones gebacken. Hier das Rezept:

Backofen auf 210 Grad vorheizen.

 

  • 450 g Mehl
  • 3 TL Backpulver
  • 1 TL Natron
  • 1 TL Salz
  • 1 EL Zucker
  • etwas Vanillepulver
  • etwas geriebene Zitronenschale

in einer Rührschüssel vermengen.

  •  90 g zerlassene vegane Margarine und
  • 300 ml Mandeldrink

langsam zu den trockenen Zutaten gießen. Alles grob mit einem Kochlöffel zu einem Teig verarbeiten, auf einer bemehlten Arbeitsfläche mit den Händen platt drücken und die Scones mit einem Trinkglas ausstechen. Auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech ca. 10 bis 12 Minuten goldgelb backen.

Die noch lauwarmen Scones mit Marmelade bestreichen und mit einem Klecks veganer Sahne garnieren.

Enjoy!

Er ist Journalist und liebt das Reisen. Zudem ist er überzeugter Veganer und Tierrechtler. Für PETA50Plus berichtet er exklusiv über seine ganz persönlichen veganen Reiseerfahrungen und gibt unseren Lesern wertvolle Geheimtipps mit auf den Weg. Seine vierbeinigen Begleiterinnen “Foxy” und „Jacky“ dürfen zumeist mit auf  gemeinsamen Reisen.

Einen weiteren, spannenden Reisebericht finden Sie hier:

PETA50plus.de/ein-veganer-venedig

PETA50plus.de/ein-veganer-an-der-cote-dazur

 

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