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Ein Veganer in Ligurien

Ein Veganer in Ligurien

Martin Schempp – Reisejournalist und Gastautor von PETA50Plus – berichtet dieses mal über seinen veganen Urlaub in Ligurien. Südliches Flair, freundliche Menschen, pflanzlicher Genuss und warme Sonne. Was möchte man mehr…?

Er dürfte knapp sechzig Jahre alt sein. Beide Zahnreihen sehen aus wie die Zinnen einer mittelalterlichen Burg nach dreijähriger Belagerung. Seine Haut erinnert an altes Fensterleder, seine grauen Haare haben seit Wochen kein Shampoo gesehen. Auf seinen Klamotten, Jeans und T-Shirt, scheint jemand kürzlich einen Ölwechsel gemacht zu haben. Aber – so überhaupt nicht zu dieser traurigen Erscheinung passt das milde Lächeln, das man häufig auf dem Gesicht von ausgeglichenen, zufriedenen Menschen sieht, die mit sich und der Welt im Reinen sind. Entspannt sitzt er auf einem ausgeleierten Klappstuhl im Schatten einer immensen Mittelmeer-Pinie, einer „Pin parasol“, und mustert den Parkplatz, der sich vor ihm in der Sonne ausbreitet.

„Bonjour, ca va?“ frage ich. „Merci, ca va bien. Et vous?“ Danke, mir geht es auch gut, ich habe schließlich Urlaub. War eine Woche in Ligurien, heute ist der letzte Tag, den wir in Menton verbringen werden. Das liegt zwar in Frankreich, aber nur ein paar Kilometer hinter der italienischen Grenze und gehörte in seiner Geschichte viel länger zu Italien als zu Frankreich. Und ist deshalb für uns Ligurien. Basta.

Dolceacqua - Foto: (c) Sylva Harasim

Dolceacqua – Foto: (c) Sylva Harasim

 

Was er hier so macht, will ich wissen. „Je suis le gardien.“  Ich stutze. Der Parkplatzwächter? Er erklärt: Jeden Tag sitzt er hier und passt auf, dass keine Autos aufgebrochen werden. Dafür geben ihm die Besucher ihr Kleingeld. „On y profite les deux“, beide Seiten profitieren davon. Klingt vernünftig. Meine Frage nach seiner Wohnung beantwortet er mit einer halbkreisförmigen Handbewegung: „Partout“. Überall. Was ist mit Essen und Trinken? „Il y a des gens sympathiques“, nette Leute sorgen für ihn. Z.B. der Wirt des gegenüberliegenden Restaurants, der ihm jeden Abend ein gratis Essen spendiert. Wie lange er das noch machen wird, will ich wissen. „Encore cinq ans“. Noch fünf Jahre, dann wird er kleine Rente beziehen und sich eine bescheidene Wohnung mieten können. Und dann immer noch den Parkplatz bewachen? „Bien sur, il me faut le monnaie“. Natürlich, er braucht das Geld. „Et ca fait du plaisier“, setzt er augenzwinkernd hinzu. Und es macht ja auch Spaß. „Je rencontre des gens gentils come vous“. Freundliche Leute lernt er kennen. Sind alle freundlich? Er nickt, ja eigentlich alle.

Ich drücke ihm einen Fünf-Euro-Schein in die Hand. Er winkt ab, das sei zu viel, Münzen reichten. Ich will ihm lieber nicht den ganzen Ärger und die Kosten eines aufgebrochenen Fensters am Wohnmobil erläutern und bestehe darauf.

Ligurien - Veganer Genuss und südliches Flair

Dann ziehen wir durch Menton. Kippen zunächst an der Bar am Strand einen veganen Cappuccino (mit Sojamilch), kaufen mittags auf dem Markt frisches Obst und Gemüse und machen auf einer schattigen Parkbank Picknick. Sylva, die keine modernen Getreidesorten essen darf, stößt in der Mentoner Filiale des Naturkosthändlers Naturalia auf glutenfreies Buchweizen-Brot und findet bei einem kleinen, aber feinen Bäcker köstliches Mais-Baguette. Dieses Mais-Baguette, das in Frankreich oft angeboten wird, gibt es auf der italienischen Seite der Grenze leider nicht. „Pane di mais?“ „Non.“ Unbekannt. Dafür steht in jedem italienischen Lebensmittelgeschäft – sogar in den Autobahnraststätten – aus Kamut hergestellte Pasta. Der Grund: Die Geschäfte sind per Gesetz dazu verpflichtet, neben Weizen & Co. stets auch Nudeln aus alten Getreidesorten wie Einkorn, Emmer oder eben Kamut anzubieten.

Kartoffeln, Gemüse und Kamut-Brot. Foto: (c) Sylva Harasim

Kartoffeln, Gemüse und Kamut-Brot. Foto: (c) Sylva Harasim

So war auch gestern in San Remo die vegane Ernährung kein Problem: Zweites Frühstück in einer x-beliebigen Bar mit Soja-Kaffee und veganen Panini. Zu Mittag holten wir uns an einem Imbiss Kartoffeln und Gemüse (Beilagen, die auf Nachfrage einzeln verkauft werden), für den Nachtisch sorgte die Gelaterie Slurp (Piazza Colombo 37) mit einer Auswahl von zwölf veganen Eissorten auf Olivenöl-Basis. Schon mal solches Eis in Schoko, Vanille, Erdbeer, Nuss & Co. probiert? Ein Traum! Wer es obstig und gemüsig mag, kauft in der Markthalle von San Remo ein oder auf dem um die Halle herum samstags stattfindenden Wochenmarkt ein. Dazu ein Kamut-Brot von Panificio de Mattei (Piazza Colombo 9), und das Mittagessen ist perfekt.

In Ventimiglia vorgestern dasselbe leichte Spiel: Frühstück in der Caffeteria/Pasticceria Sonia (vom Bahnhof kommend Richtung Strandpromenade an der linken Straßenseite) mit Soja-Kaffee und marmeladegefülltem Croissant auf Margarinebasis. Der Socca-Stand in der Markthalle steuerte das Mittagessen bei, den Nachtisch fanden wir an einem der vielen Stände mit Trockenfrüchten, die mit oder ohne Zucker angeboten werden. Die  gepflegtere Variante ist das Restaurant/Pizzeria La Grotta an der Strandpromenade (Lungomare Passeggiata Oberdan 23). Vegane Pizza gibt es jeden Tag, bei Voranmeldung besorgt die überaus freundliche Crew sogar Kamut-Nudeln. Kein Wunder, wenn der Besitzer selbst Veganer ist.

Veganes Eis auf Olivenölbasis. Foto: (c) Sylva Harasim

Veganes Eis auf Olivenölbasis. Foto: (c) Sylva Harasim

Der Chef der Pizzeria in Dolceacqua ist zwar kein Veganer, trotzdem serviert er die in Italien traditionelle Pizza Marinara, das heißt ohne Käse, nur mit Tomaten, Öl, Knoblauch und Oregano. Man sitzt stimmungsvoll unter Platanen auf dem Platz gegenüber der historischen Altstadt, wo donnerstags sogar ein kleiner Markt stattfindet. Auch auf den veganen Cappuccino muss man nicht verzichten, der in der Bar neben der Pizzeria ausgeschenkt wird.

Restaurant La Grotta mit vielen veganen Speisen. Foto: (c) Sylva Harasim

Restaurant La Grotta mit vielen veganen Speisen. Foto: (c) Sylva Harasim

Beim Bummel durch die reizende historische Altstadt von Dolceacqua mit ihren engen, steilen Gassen ist der Besuch bei Irène ein Muss. Wieso? Weil Irène nicht nur am Fuß der alten Steinbrücke ihren Laden hat (Terracotta, Souvenirs), sondern auch Dolceacquas Tierschützerin ist. Gemeinsam mit Freundinnen hat sie es mittlerweile geschafft, alle streunenden Katzen zu kastrieren. Die Tiere werden versorgt, gefüttert und medizinisch betreut. Finanzielle Hilfe von der Gemeinde gibt es nicht, weshalb die Truppe um Irène alle Kosten selbst trägt.

Die Hundedamen reisen stets mit! Foto: (c) Sylva Harasim

Die Hundedamen reisen stets mit! Foto: (c) Sylva Harasim

Zurück am Parkplatz stellen wir fest, dass unser Wächter gute Arbeit geleistet und das Wohnmobil vorbildlich bewacht hat. „Merci beaucoup“, wir bedanken uns herzlich. Er lacht und zeigt dabei die Zinnen seiner mittelalterlichen Burg. Nächstes Jahr wieder? Sollten wir Menton besuchen, sicher. „Bonne Chance et à la prochaine“. Viel Glück und bis zum nächsten Mal.

Über Martin Schempp

Er ist Journalist und liebt das Reisen. Zudem ist er überzeugter Veganer und Tierrechtler. Für PETA50Plus berichtet er exklusiv über seine ganz persönlichen veganen Reiseerfahrungen und gibt unseren Lesern wertvolle Geheimtipps mit auf den Weg. Seine vierbeinigen Begleiterinnen “Foxy” und „Jacky“ dürfen zumeist mit auf  gemeinsamen Reisen.

Weitere, spannende Reiseberichte von Martin Schempp finden Sie hier:

PETA50plus.de/ein-veganer-venedig

PETA50plus.de/ein-veganer-an-der-cote-dazur

PETA50plus.de/ein-veganer-in-schottland

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